Faszien bilden – neben psychosozialen und anderen Faktoren – eine zentrale Grundlage für osteopathische und manuelle Behandlungen. Gemeint ist damit das Bindegewebe, das unseren gesamten Körper durchzieht: Es verbindet Strukturen, Organe, Muskeln und Knochen – von Kopf bis Fuß, in verschiedenen Schichten und Tiefen. Dieses sogenannte fasziale Netz ermöglicht einen ganzheitlichen therapeutischen Ansatz. Bei osteopathischen „Hands-on“-Techniken ist es besonders wichtig, dass Veränderungen im Gewebe oft auch an weit entfernten Körperbereichen spürbare Auswirkungen haben.
In der Chirurgie begegnen wir diesem Gewebe ständig – es ist meist das Gewebe der Zwischenräume. Anhand seiner Strukturen können wir uns orientieren, Schichten voneinander trennen und in die Tiefe vordringen, um dort gezielt zu arbeiten. Lange Zeit wurde diesem Gewebe außerhalb der Chirurgie jedoch wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Wendepunkt war 2005, als der französische Handchirurg Dr. Jean-Claude Guimberteau mit einer Kamera während Operationen faszinierende Aufnahmen von Faszien machte. Sein Film „Strolling under the skin“ eröffnete einen neuen Blick auf die Architektur des Bindegewebes.
Seither hat sich die Faszienforschung rasant weiterentwickelt – vor allem in der funktionellen Anatomie, Biomechanik, Sportwissenschaft und Schmerzforschung. Auf dem Fascia Research Congress in Boston (2007) wurde der Begriff Faszie neu definiert. Heute umfasst er nicht nur die klassischen flächigen Bindegewebsschichten, sondern auch Muskelhüllen, Bindegewebe innerhalb der Muskulatur, Sehnen, Bänder, Membranen, Knochenhaut sowie Rückenmarkshäute, Organ- und Gelenkkapseln.
Wir wissen heute:
-
Faszien geben Form und Halt, sie verbinden alles miteinander und sorgen gleichzeitig für Beweglichkeit.
-
Sie sehen je nach Zusammensetzung sehr unterschiedlich aus, haben aber eine gemeinsame Grundstruktur.
-
Sie sind ein wichtiger Ort der Immunabwehr.
-
Sie bilden ein zentrales Organ der Körperwahrnehmung, da sie von kleinsten Blutgefäßen, freien Nervenendigungen und Rezeptoren durchzogen sind.
-
Sie enthalten kontraktile Elemente (Myofibroblasten), die gespeicherte Energie wieder freisetzen können.
-
Sie stehen in enger Verbindung mit dem autonomen Nervensystem, wodurch auch Emotionen als Komponente ins Spiel kommen.
Immer deutlicher zeigt sich, wie wichtig das fasziale Netzwerk für Gesundheit und Wohlbefinden ist. Die Forschung der kommenden Jahre wird unser Verständnis für diese faszinierenden Strukturen sicher noch erweitern und viele spannende Erkenntnisse hervorbringen.
Quellen
Faszia research
Carla Stecco, „Atlas des menschlichen Fasziensystems“, Elsevier Verlag 2016
Angelika Strunk, „Fasziale Osteopathie“, Haug Verlag 2015
Dr. Jean-Claude Guimberteau , „Strolling under the skin“, Youtube 2014